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Der Gründer aus dem Wald

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Der Gründer aus dem Wald

Text: Matthias Köb

Fotos: Roswitha Natter

Erfolgsgeschichten aus Österreich sind in der internationalen Start-up-Szene noch eher selten. Eine davon ist jedoch die Biographie des Bregenzerwälders Michael Breidenbrücker: Er ist Mitbegründer von last.fm und entwickelte Apps mit Star-Regisseur Christopher Nolan. Potential für weitere Erfolgsgeschichten ist allemal vorhanden.

Michael, erzähl uns etwas über deine Heimat.

„Als ich jung war, dachte ich, wir leben am Arsch der Welt. Ich hatte das Gefühl, alles was relevant ist, passiert irgendwo anders. Ich musste raus, das war völlig klar. Das hat sich spätestens in London geändert. London ist super, London ist eine geile Sache. Aber wenn ich denen gesagt habe, ich bin hier am Wochenende mitten in der Natur – die konnten das gar nicht glauben. Was wir hier haben, ist Luxus.“

 

Eigentlich passt Michael Breidenbrücker mit seinem beruflichen Werdegang nicht so richtig in den Bregenzerwald, diese beschauliche Region mit 30.000 Einwohnern, die mitunter als sehr traditionell gilt. Landwirtschaft und die holzverarbeitende Industrie zählen neben dem Tourismus zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Breidenbrücker hingegen ist eines der bekanntesten Gesichter in der Start-up-Szene, nicht nur in der heimischen. Wenn er spricht, mischen sich immer wieder englische Begriffe in den charakteristischen Bregenzerwälder Dialekt, gerade wenn es um berufliche Dinge geht. 2002 gründete Breidenbrücker gemeinsam mit Freunden das Internetradio last.fm, eine Art Streaming-Radio, das auf Basis der eigenen Playlist neue Musikvorschläge machte und die User mit Menschen mit ähnlichem Musikgeschmack verband. last.fm gilt heute als Vorreiter von Spotify und ähnlichen Diensten.

 

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Was braucht man, um in der Start-up-Branche erfolgreich zu sein?

„Ich habe ein Kolleg für Elektronik und Nachrichtentechnik gemacht. Während eines Praktikums in Schweden hab ich mir gedacht: Technologie verwendet man meist für nützliche Dinge, aber man müsste damit doch auch unnütze Dinge machen können, das dürfte dann Kunst sein. So bin ich an der Angewandten in Wien gelandet und über ein Auslandssemester in London. Die Ausbildung ist aber eigentlich wurscht, was man braucht, sind Leute die Lust auf die Sache haben und anpacken. Digitale Medien sind die Möglichkeit unserer Generation ihren eigenen Lebensraum zu gestalten. Das ist sicher kein einfacher Weg, aber für die, die es wollen, ist es ein guter Weg.“

 

Später gründete Breidenbrücker RJDJ, eine App, die anhand von Umgebungsgeräuschen Musik erzeugt. Auf Basis dieses Konzepts entstanden weitere Apps, unter anderem zum Film „Inception“. Die gemeinsam mit Star-Regisseur Christopher Nolan und dem Komponisten Hans Zimmer entwickelte Anwendung wurde bereits in den ersten Tagen millionenfach heruntergeladen. Heute lebt Breidenbrücker wieder im Bregenzerwald. Er ist Mitglied bei Speedinvest, dem wichtigsten Venture-Fonds in Österreich. Ziel von Speedinvest ist es, gute Ideen mit Kapital, Know-how und Erfahrung zu unterstützen – Dinge die für junge Unternehmen in Österreich mitunter schwer zu finden sind.

Innovation ist eines der Themen der EXPO in Mailand. Wie innovativ ist die österreichische Start-up-Branche?

“Gerade in Wien und in der Linzer Gegend gibt es sehr interessante Dinge. Auch in Graz passiert einiges. Es entwickelt sich immer mehr, weil wir auch gute Voraussetzungen haben. Steve Jobs hat einmal gemeint, dass es die humanities (Anm.: Geisteswissenschaften) sind, die ihn inspirieren. Wir haben in Europa und in Österreich einen unglaublichen Schatz an Kultur. Man muss sich nur anschauen, wie viele verschiedene Einflüsse auf engstem Raum aufeinander treffen. Oder wenn man nach Vorarlberg schaut: Es gibt hier eine große Tüftler- und Hands-on-Mentalität, gerade im Rheintal passiert technologisch sehr viel. Was uns aber noch fehlt, ist eine Art Ökosystem rund um den Start-up-Bereich. Das sehen wir auch als unsere Aufgabe bei Speedinvest: Wenn wir unser Know-how und ein bisschen Kapital bereitstellen, können in der österreichischen -Szene nicht nur relevante Produkte, sondern auch international relevante Firmen entstehen.”

 

Sein aktuelles Projekt nennt sich „SpeedStartStudio“. Das gemeinsam mit Christoph Beckle und Nicholas Schweizer in Dornbirn gestartete Unternehmen soll Firmen aus der Region beim Einstieg in die digitale Welt unterstützen. Potential sieht Breidenbrücker im Hinblick auf die zahlreichen Firmen aus technologiefremden Branchen, die seiner Meinung nach – aufgrund neuer Distributionskanäle – schon bald von der Digitalisierung betroffen sein werden. „SpeedStartStudio“ will sein Know-how im digitalen Bereich mit jenem der Firmen aus dem Offline-Bereich verknüpfen, um diese auf den „Angriff“ von großen Unternehmen wie Amazon vorzubereiten. Der Plan: In den kommenden zwei Jahren sollen so in Zusammenarbeit mit ausgewählten Partnern 15 Firmen entstehen – fünf davon sollen als eigenständige Firmen weiter bestehen, fünf sollen verkauft werden, fünf werden scheitern.

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Ihr sagt, ein Drittel der Firmen wird nicht funktionieren. Scheitern scheint „part of the job“ zu sein.

“Start-ups haben eine unglaublich hohe Fail-Rate. Bei uns sagt man jedoch: Der hat eine Firma gegründet und ist damit baden gegangen. Und das ist dann negativ. Dabei ist die einzig relevante Frage: Wann geht sie baden? Wenn etwas nicht funktioniert, muss man sagen: Je früher, desto besser! Man macht ein Konzept und startet. Und wenn es nicht funktioniert, lässt man es halt bleiben und macht etwas anderes. Diese Mentalität fehlt uns noch. Wenn ein super erfolgreicher Unternehmer vor mir steht und sagt: Nein, ich habe nie Fehler gemacht – da muss ich jedes Mal lachen. Auch die Jungs von Twitter haben danach Sachen gemacht, die überhaupt nicht funktioniert haben.”

 

In den letzten Jahren pendelte Breidenbrücker zwischen Vorarlberg und London, konnte die Vorzüge beider Orte mit all ihren Gegensätzen genießen. Dennoch war immer klar, dass er irgendwann in seine Heimat hierher zurückkehren wird. Sein Haus steht in Bizau, einem selbst für den beschaulichen Bregenzerwald kleinen Dorf mit rund 370 Haushalten und knapp über 1000 Einwohnern. Das Gefühl, am Arsch der Welt zu leben, hat sich jedoch geändert.

 

Wenn man von Start-ups spricht, denkt man an das Silicon Valley, an London oder im deutschsprachigen Raum an Berlin. Können auch Regionen wie der Bregenzerwald für junge Menschen aus der Szene interessant werden?

“Bei uns ist es unglaublich schön – das wissen wir schon lange. Aber das ist nicht alles, es passiert viel mehr, als man denkt. In Bereichen wie Handwerk, Architektur und Design haben wir uns längst einen Namen gemacht. Es rückt alles näher zusammen. Wenn wir hier ein solches passendes Ökosystem schaffen und von hier aus arbeiten können – dann ist das der Joker!”