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Breathe
„Jeder mag einfach gerne eine geile Pasta“

Text: Stephan Wabl

Fotos: David Payr

Judith Filimonova, eine Hälfte des Electropop-Duos Fijuka, und Lucas Huemer, Koch im Wiener In-Restaurant Mochi, verbindet die Liebe zur Musik und zum guten Essen. Wir haben die beiden mit einem Elektroboot über die alte Donau chauffiert. Dafür haben sie uns danach bei Steak, Suppe und Schnaps erzählt, wo sie für ihre Arbeit am besten einatmen können, wie das perfekte Backstage-Essen aussieht und warum sie Italien lieben.

Judith, du bist als Musikerin sehr viel unterwegs. Lucas, du hingegen bist als Koch sehr stark an einen Ort gebunden. Wohin geht ihr, um euch für eure Arbeit Inspiration zu holen? Wo atmet ihr ein?

Judith: Ich bin froh, wenn ich überhaupt einatmen kann, weil ich eine sehr starke Hausstaubmilbenallergie habe (lacht). Ich versuche, viel zu erleben und schaue, dass ich viel rauskomme und Leute treffe. Wenn ich auf Tour bin, versuche ich möglichst viel Neues aufzusaugen und gehe spazieren, um mir etwas von der Stadt anzuschauen.

 

Wie läuft das beim Songschreiben?

Judith: Da läuft das anders ab. Es ist nicht so, dass ich mir denke, ich möchte am Donnerstag einen Song schreiben und bereite mich dann darauf vor. Wenn ich in einem ungewöhnlichen Gemütszustand bin, mich emotional etwas beschäftigt oder ich gerade eine Krise mit einem Menschen habe, dann lasse ich alles stehen und liegen, weil da etwas aus mir raus muss. Das geht dann auch die ganze Nacht und ich unterbreche die Arbeit nur, um ein Glas Wasser zu holen. Das kann ich nicht erzwingen, das erzwingt sich selbst. Die Inspiration dazu suche ich nicht, das entsteht meistens aus Krisen.

Lucas: Gerade weil ich sehr viel Zeit in Innenräumen verbringe, ist für mich das Reisen als Inspiration zum Einatmen sehr wichtig. Da geht es mir auch darum, viel essen zu gehen, die Stadt zu erkunden, Gerüche beim Spazierengehen aufzunehmen und mir dabei zu denken, wie ich all diese Erfahrungen in Gerichte fassen kann. Du isst zum Beispiel ein Gericht in einem Restaurant und sagst dir dann: Das war super, ich würde das aber so und so machen. Später pickst du dir einzelne Komponenten aus diesen Gerichten und Erlebnissen heraus und komponierst daraus deine eigenen Kreationen. Das ist ein ständiger Prozess, denn die Grundidee verändert sich ständig und nach zwei Monaten schaut und schmeckt das von dir kreierte Gericht ganz anders als zu Beginn.

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Hörst du Musik beim Kochen?

Lucas: Unbedingt. Ich habe allerdings kein bevorzugtes Genre, das reicht von The Black Keys über The Black Angels bis zu The Doors. Mir geht es darum, wie ich mich fühle, was die Musik ausdrückt, wie ich mich damit identifizieren kann. In der Musik wie in der Küche bin ich der Meinung, dass du für alles offen sein musst und dir deine Gustostückerln raussuchen solltest. Nur dadurch kannst du dich auch weiterbilden. Wenn ich superfein koche, höre ich etwas anderes, als wenn ich zuhause eine coole Grillerei mache.

Judith: Mir geht das beim Live-Spielen ähnlich, da ich bei Konzerten sehr oft improvisiere. Mir wird sehr schnell langweilig und dann spiele ich Songs live anders. Das kann davon abhängig sein, wie ich mich fühle, weil ein Monitor nicht funktioniert oder irgendein Gerät auf einmal kaputt geht.

 

Apropos Geräte. Die Weltausstellung dient auch dazu, technische Innovationen vorzustellen. Wie stark prägt der technologische Fortschritt eure Arbeit?

Judith:
Ich schaue regelmäßig, was es Neues gibt. Für meine Band Fijuka spielt das aber nicht so eine große Rolle, weil wir keine Soundtüftler sind. Aber wir arbeiten sehr viel mit Musikern zusammen, die Geräte selber erfinden und bauen. Davon lassen wir uns gerne inspirieren.

Lucas: Denkst du dir nicht hin und wieder: Wow, dieses neue Basspedal muss ich unbedingt haben?

Judith: Ja, ich denke mir schon manchmal, dass ich dieses oder jenes neue Teil gerne haben möchte. Aber ich habe leider selten das Geld dafür. Prinzipiell bin ich aber nicht so auf die Technik fixiert. Demnächst muss ich mir aber einen neuen Verstärker kaufen.

Lucas: Sorry, ich muss schnell den Bayern-Liveticker checken. Ich habe ehrlich gesagt gehofft, dass die Bayern ausscheiden. Schaut aber gar nicht so schlecht aus.

So, geht wieder. Ich sehe das als Koch ähnlich. Regelmäßig gibt es einen Trend, der gehypt wird. Vor ein paar Jahren waren es die Spanier um Ferran Adrià mit der Molekularküche. Einige haben diese Küche verpönt, andere wiederum fanden das super innovativ. Mittlerweile hat sich das wieder gewandelt, die besten Techniken wurden übernommen und man ist weitergewandert. Aktuell ist der neue Hype Skandinavien rund um das Noma in Kopenhagen und einer Zurück-zur-Natur-Küche. Dabei bezieht man sich auf das Land und die Region, geht in den Wald und macht sich auf die Suche nach Pflanzen und Zutaten, die in Vergessenheit geraten sind. Weg von der Massenware und hin zu den Raritäten. Bei all diesen Trends spielt natürlich Marketing eine wichtige Rolle. Ich finde das durchaus spannend, mir geht es aber nicht um Trends, sondern um die Frage, wie ich unter den gegebenen Umständen das beste Gericht für meinen Kunden zubereiten kann.

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Gibt es für euch Parallelen zwischen Kochen und Musik machen?

Judith: Ich bin leider eine sehr faule Köchin.
Lucas: Aber eine fleißige Musikerin.
Judith: Ich bin eigentlich eine fleißige Esserin. Ich lasse mich sehr gerne bekochen. Auf Tour wird man zum Glück oft bekocht.


Geht es nicht bei beiden um die richtige Komposition?

Judith: Mir fehlt da leider ein wenig die Sorgfalt. Ich selbst habe eine sehr kleine Küche, die ich selbst entworfen und gebaut habe. Quiche und Risotto kann ich aber wirklich gut.
Lucas (lacht): Ja, Risotto ist richtig schwer.

 

Lucas, wenn du für Judith Backstage kochen müsstest, was würdest du zubereiten?

Lucas: Ich koche immer wieder mal in der Stadtwerkstatt in Linz für Bands. Mir ist es wichtig, beim Kochen Erinnerungen in den Menschen zu wecken. In der Stadtwerkstatt ist backstage eine Couchlandschaft aufgestellt, dazu gibt es einen großen Herd und einen Riesentisch. Mir geht es dann um das gemeinsame Erleben am Esstisch: Da wird gelacht, da wird geweint, da wird diskutiert, es gibt wieder was zu essen, danach ist es wieder ruhig, es wird angestoßen und weitergetrunken. Dieses familiäre Gefühl verbunden mit gutem Essen – so wie man es zuhause gerne hat – möchte ich erzeugen.

Judith: Ich finde es auch immer sehr schön backstage, wenn man dieses Gemeinschaftsritual beim Essen vor dem Konzert hat. Gutes Essen macht einfach glücklich und für die Stimmung beim Konzert macht das einen Riesenunterschied.

Lucas: Da geht es um Leidenschaft. Die Band performt ihre Show und geht ab. Du brauchst aber auch in der Küche jemanden, der mit Herz und Seele bei der Sache ist. Den Unterschied schmeckst und hörst du sofort.

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Die Expo beschäftigt sich auch mit dem Thema Nachhaltigkeit. Was soll für euch von einem Konzert, einer Platte oder einem Abendessen am Ende übrigbleiben?

Judith: Mein Ziel ist es, dass meine Songs die Leute wirklich berühren. Ich erzähle in meinen Liedern oft sehr konkrete Geschichten und Emotionen, die ich erlebt habe. Und wenn ein Song es schafft, bei den Emotionen der Hörer anzudocken, dann funktioniert er. Es gibt manchmal Menschen die mir sagen, dass sie einen Song von mir im Ohr haben oder er sie emotional berührt. Das freut mich immer sehr und das bleibt dann auch bestehen.

Bei Konzerten ist es mir wichtig, dass die Leute einfach eine gute Zeit haben und diese Stimmung mit nach Hause nehmen. Wenn die Zuschauer nach dem Konzert mit einem guten Gefühl einschlafen, ist schon viel erreicht.

Lucas: Mir geht es auch darum, dass die Leute nach dem Essen zufrieden nach Hause oder zurück ins Büro gehen. Ich möchte den Leuten eine kurze, aber schöne Auszeit bereiten. Bezüglich der Produkte ist es mir wichtig, dass alles head-to-tail verwendet wird, ich will nicht nur die Edelstücke und das Filet herausschneiden, sondern das ganze Tier bzw. Produkt verarbeiten.

Nachhaltig kochen heißt für mich aber auch, dass ich mich weiterentwickle. Denn über das Jahr verteilt sind vielleicht fünf Gerichte ganz genau so geworden, wie ich mir das vorgestellt habe. Mir ist es wichtig, viel auszuprobieren und einfach mal zu machen.

 

Die Expo findet heuer in Mailand statt. Was verbindet ihr mit Musik und Küche aus Italien?

Judith: Ich liebe die italienischen Klassiker wie Antonello Venditti, Gianna Nannini oder Zucchero. Mein absoluter Liebling ist aber Adriano Celentano. Von ihm habe ich eine DVD-Box mit all seinen Filmen. Ich liebe den Klang der italienischen Sprache, die Lieder haben meistens sehr viel Text und eine interessante Harmonik. Ich liebe auch das Essen in der Toskana. Da musst du unbedingt einmal hinfahren.

Lucas: Ich mag die italienische Küche sehr. Ich war zwar noch nie in der Toskana, habe aber eine Zeitlang für einen italienischen Chef gearbeitet. Das war so à la Soul Food. Jeder mag einfach gerne eine geile Pasta. In der italienischen Küche ist immer für jeden etwas dabei – und sie ist zudem so schön della nonna – wie es die Oma macht.

Judith: Kennst du Panzanella?
Lucas: Ja, sicher: Toskanischer Brotsalat.
Judith: Das ist so super. Dafür könnte ich sterben.
Lucas: Na dann Prost!